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Prof. Dr. Kurt Schmidt

Das finnische Nationalepos Kalevala in deutschen Übersetzungen

Trotz aller Unterschiede in der weiteren Entwicklung der beiden Länder bestand eine gewisse Übereinstimmung stets darin, die Bedeutung kulturell-sprachlicher Leistungen hervorzuheben und für internationale Kontakte nutzbar zu machen.
In diesem Zusammenhang sei auch auf das 100. Jubiläum des Finnischen Nationaltheaters verwiesen, das ein beachtliches Repertoire deutschsprachiger Dramatiker aufzuweisen hat. Im September 2002 standen die "Heideschuster" von Aleksis Kivi auf dem Programm, dasselbe Stück, mit dem das Haus am 9.4.1902 eingeweiht wurde. Der damalige Leiter Kaarlo Bergbom war ein ausgesprochen nach Deutschland orientierter Theaterdirektor.
Ein weiterer Höhepunkt des Jahres 2002 war am 9.4. der 200. Geburtstag von Elias Lönnrot (1802 - 1884), der als Schöpfer des Kalevala und als Begründer der finnischen Literatursprache bis heute hohes Ansehen genießt. Auch wenn das Kalevala inzwischen in 55 Sprachen übersetzt worden ist, so richtet sich unser Interesse hier auf die Übersetzungen ins Deutsche.

 

Dabei kommt der ersten Übertragung durch den Sprachforscher Anton Schiefner (1817 - 1879) besondere Bedeutung zu. Obwohl der Orientalist Schiefner als Gymnasialprofessor und Mitglied der Akademie in Sankt Petersburg sich vorwiegend mit tibetischen und indischen Themen befasste und viel zur Kenntnis der kaukasischen Sprachen beitrug, pflegte er auch gute Kontakte zu finnischen Wissenschaftlern. So bearbeitete er z. B. den Nachlass von Matthias Alexander Castrén (1813 - 1852), dem ersten Inhaber der Professur für finnische Literatur in Helsinki. Den größten Teil der Aufzeichnungen Castréns übersetzte er ins Deutsche. So wird verständlich, dass die Finnische Literaturgesellschaft ihm bereits 1849 die Druckfahnen des Kalevala nach St. Petersburg schickte, wo er sie bis 1852 ins Deutsche übertrug. Diese schwierige Aufgabe hat Schiefner mit Sachkenntnis und beachtlicher Qualität gelöst, galt es doch, die der finnischen Volksdichtung eigenen Stilmittel wie Alliteration, Parallelismus und den typischen Kalevala-Vers (vierfüßige Trochäen) zu berücksichtigen.

 

Bilderreiche und poesievolle Sprache

Auffallendes Merkmal für den deutschen Leser ist die Übereinstimmung zweier oder mehrerer Verse in Inhalt und Form, so zum Beispiel:

"Väinämöinen alt und weise (vanha viisas Väinämöinen)
Mit ihm Schmieder Ilmarinen / Und der lustge Lemminkäinen /
Zogen auf des Meeres Fläche / Auf den weiten Wasserfluten /
Nach dem Dorfe voller Kälte / Nach dem nimmerhellen Nordland."

Schiefners Übertragung diente vielfach als Vorlage für Neuübersetzungen des Kalevala. Die im Deutschen schwerfällig wirkenden Trochäen wurden in der Bearbeitung des Germanisten Hermann Paul durch geschmeidigere Daktylen ersetzt (Helsingfors 1885/86). Eine weitere Bearbeitung des Kalevala legte Martin Buber (1878 - 1965) 1914 in München vor, die er durch eine Einführung und erläuternde Anmerkungen bereicherte.

Erwähnt sei auch Dagmar Weldings Neubearbeitung des Kalevala, die ebenfalls auf der Grundlage von Schiefners Übertragung erfolgte und 1948 in Stuttgart erschien. Dem Leser bekannter sind die beiden nächsten Übertragungen: Fast zeitgleich erschienen die Bearbeitungen von Hans und Lore Fromm (München 1967) und Wolfgang Steinitz (Rostock 1968). In diesem Falle wirkte sich die damalige Existenz von zwei deutschen Staaten sehr zum Nutzen der finnischen Literatur aus. Während Hans Fromm (emeritierter Professor der Finnougristik in München) und Lore Fromm eine vollständige Übersetzung aus dem finnischen Urtext vornahmen und dabei eine nahezu wortgetreue Wiedergabe im Deutschen anstrebten, nutzte der

 

Finnougrist Wolfgang Steinitz (1905 - 1967, langjähriger Professor in Berlin) die Schiefner-Buber-Übertragung als Vorlage und näherte die Neubearbeitung stärker dem deutschen Sprachempfinden an. Besonderen Wert gewinnt das Werk durch die künstlerische Gestaltung Bert Hellers, die Wort und Bild zu einer Einheit verschmelzen lässt. Die Illustrationen des Künstlers zeugen von einem tiefen Verständnis der überlieferten Lebens- und Vorstellungswelt des finnischen Volkes.

Die bisher letzte Übersetzung des Kalevala ins Deutsche ist eine Rarität. Herbert Strehmel übertrug das finnische Nationalepos aus dem Original ins Plattdeutsche und seine Frau Eeva illustrierte den Band "Kalevala op Platt" (Hamburg 2001). Es bestehen also für den deutschen Leser viele Möglichkeiten, sich mit der Thematik des Kalevala zu beschäftigen, auch wenn man die finnische Sprache nicht beherrscht.
Die Helden des Kalevala sind im Unterschied zu den großen Epen der Weltliteratur wie Ilias, Odyssee oder Gilgamesch keine Fürsten und Krieger, sondern Bauern, Jäger und Fischer, in deren Lebensweg Krieg und Kampf nur wenig Raum einnehmen.
Mit Väinämöinens Geburt und seinem Abschied von Finnland sind Beginn und Ende der Dichtung abgesteckt, die dem weisen Zauberer, kunstreichen Sänger und mächtigen Helden genügend Raum für seine dem Volke dienliche Tätigkeit geben. Hauptthemen sind das Abholzen des Waldes, die Bereitung des Bodens für die Aussaat der Gerste, der Anbau des Hopfens, die Dienstbarmachung des Eisens, das Schmieden des Sampo, jener Zaubermühle, die den Menschen Glück und Wohlstand verspricht. Viele Zaubersprüche werden mit der Arbeit oder dem Kampf gegen Nachtfrost und Kälte verbunden. Es gibt aber auch Gesänge über große Brautfahrten und fröhliche Hochzeitsfeste. Stets ist eine enge Wechselbeziehung zwischen Arbeit und Magie vorhanden.

 

Eine politisch-kulturelle Kraftquelle

Das Kalevala hat nicht nur Bedeutung für die Herausbildung des finnischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert; es wirkte darüber hinaus auf das gesamte finnische Geistesleben bis heute ein. Wir können seinen Einfluss in der Literatur von Kivis Kullervo-Drama bis zu den Helka-Liedern Eino Leinos nachzeichnen, eine so genannte Kalevala-Linie in der Malerei und Bildhauerkunst von Blackstadius bis Aaltonen erkennen sowie den Inspirationen auf dem Gebiet der Tonkunst, z. B. der Kullervo-Sinfonie von Sibelius, folgen. Das Kalevala schließt damit, dass Väinämöinen dem Neuen, der Jugend, seinen Platz überlässt:

"Hier nun führt der Weg in Zukunft / Öffnet sich der Pfad, der neue /
Für die kundigeren Sänger / Für die reichen Runensprecher /
In der Jugend, die sich hebet / In dem steigenden Geschlechte."

 

Lönnrot hat bereits 1862 eine verkürzte Ausgabe "Lyhyt Kalevala" herausgegeben, um dem noch jungen finnischen Bürgertum den Einstieg in das Werk zu erleichtern. Der Kalevalaforscher Aarne Salminen hat diesen Text 1998 dem Neufinnischen angenähert und dabei Begriffe und historische Zusammenhänge erläutert. Um auch bei der heutigen Jugend das Interesse an der Dichtung zu erhalten, sind in letzter Zeit in Finnland Unterrichtshilfen für die Schulen erschienen, die Gesänge aus Lönnrots Zeit einbeziehen und den kulturhistorischen Hintergrund nahe bringen. Das kürzlich in Prosaform erschienene "Suomen lasten Kalevala" ("Kalevala für Kinder") von Kirsti Mäkinen lag in den Verkaufszahlen sogar noch vor den Harry-Potter-Büchern - so zu lesen in der finnischen Kulturzeitschrift "Hiidenkivi" (Nr. 5/2002, S. 37).

Wer also das finnische Wesen und die Identität des finnischen Volkes näher kennen lernen möchte, dem sei das Kalevala bestens empfohlen. Kaum in einem anderen Werk sind die Bestrebungen und Leistungen frühere Generationen in ihrem engen Verhältnis zur Natur so fest verwurzelt.

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